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This statement was originally published in The Lancet Regional Health Europe on 2021-07-29.

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Ein Blick in die Zukunft der COVID-19-Pandemie in Europa: Eine Expertenbefragung

Authors: Emil N. Iftekhar, Viola Priesemann, Rudi Balling, Simon Bauer, Philippe Beutels, Sarah Cuschieri, Thomas Czypionka, Uga Dumpis, Enrico Glaab, Eva Grill, Steven Van Gucht, Claudia Hanson, Pirta Hotulainen, Peter Klimek, Mirjam Kretzschmar, Tyll Krueger, Jenny Krutzinna, Nicola Low, Helena Machado, Carlos Martins, Martin McKee, Sebastian B. Mohr, Armin Nassehi, Matjaz Perc, Elena Petelos, Martyn Pickersgill, Barbara Prainsack, Joacim Rockloev, Eva Schernhammer, Anthony Staines, Ewa Szczurek, Sotirios Tsiodras, Andre Calero Valdez, Peter Willeit,

Zusammenfassung

Wie wird sich die Coronavirus-Pandemie 2019 (COVID-19) in den kommenden Monaten und Jahren entwickeln? Auf der Grundlage einer Expertenbefragung untersuchen wir die wichtigsten Aspekte, die die COVID-19-Pandemie in Europa wahrscheinlich beeinflussen werden. Die Herausforderungen und Entwicklungen werden stark von den Fortschritten der nationalen und globalen Impfprogramme, dem Auftreten und der Ausbreitung besorgniserregender Varianten (VOC) und den Reaktionen der Öffentlichkeit auf nicht-pharmazeutische Maßnahmen (NPI) abhängen. Kurzfristig bleiben viele Menschen ungeimpft, VOC treten weiterhin auf und verbreiten sich, und es ist zu erwarten, dass Mobilität und Bevölkerungsdurchmischung zunehmen werden. Eine zu frühe und zu starke Aufhebung der Beschränkungen birgt daher die Gefahr einer weiteren schädlichen Welle. Diese Herausforderung bleibt bestehen, auch wenn die Übertragungsmöglichkeiten angesichts der Fortschritte bei der Impfung und der geringeren Durchmischung in Innenräumen im Sommer 2021 geringer sind. Im Herbst 2021 könnte eine verstärkte Aktivität in Innenräumen die Ausbreitung wieder beschleunigen, während eine notwendige Wiedereinführung von NPI zu langsam erfolgen könnte. Die Inzidenz könnte wieder stark ansteigen und möglicherweise Intensivstationen füllen, wenn die Impfquoten nicht hoch genug sind. Ein moderates, anpassungsfähiges Niveau von NPI wird daher weiterhin notwendig sein. Diese epidemiologischen Aspekte in Verbindung mit den wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitsbezogenen Folgen bieten eine ganzheitliche Perspektive für die Zukunft der COVID-19-Pandemie.

Einleitung

Mehr als ein Jahr nachdem die Weltgesundheitsorganisation COVID-19 zu einem “Public Health Emergency of International Concern” erklärt hat, bereitet die COVID-19-Pandemie Europa weiterhin Mühen und Sorgen. Obwohl die künftige Entwicklung höchst ungewiss ist, wollen wir (a) eine systematische Bewertung der Faktoren vornehmen, die den Verlauf der COVID-19-Pandemie in Europa beeinflussen werden, und (b) eine vorläufige Prognose abgeben, wie sich die Pandemie vor ihrem Ende in Europa entwickeln könnte. Wir wählten eine Methode, die von der Delphi-Vorhersagemethode1 inspiriert ist. Denn sie war am besten geeignet, Expertenmeinungen über die wichtigsten Entwicklungen und Themen in Bezug auf die COVID-19-Pandemie zu eruieren. Moderatoren entwickelten Fragebögen mit offenen Fragen und baten Wissenschaftler:innen aus verschiedenen europäischen Ländern, Disziplinen und Forschungsbereichen, ihre Beiträge und Vorhersagen einzureichen. Da sich die Leitfragebögen auf die Bereiche Epidemiologie, Virologie, Public Health und Sozialwissenschaften konzentrierten, wurden einige andere wichtige Perspektiven, wie die der klinischen Medizin, der Ökonomie und der Geisteswissenschaften, nicht im Detail erfasst (siehe Anhang). Im Folgenden stellen wir die Ergebnisse der Expertenbefragung dar - und skizzieren markante Gemeinsamkeiten und divergierende Antworten. Dieses Papier stellt notwendigerweise eine Teilsynthese der reichhaltigen und vielfältigen Beiträge dar, und nicht alle Autoren stimmen notwendigerweise im Detail mit jeder einzelnen Aussage überein. 

Zunächst fassen wir die Erkenntnisse über drei kritische Faktoren zusammen, die die Entwicklung der Epidemie bestimmen: Immunität der Bevölkerung und Impfung, besorgniserregende Varianten (“variants of concern”, VOCs) und die öffentlichen Reaktionen auf die Pandemiepolitik. Zweitens stellen wir Szenarien für drei verschiedene Zeiträume vor, die auf dem verfügbaren Wissen vom April 2021 basieren: (a) Sommer 2021, (b) Herbst und Winter 2021 und (c) für einen Zeitraum von 3-5 Jahren ab Frühjahr 2021. Für den letztgenannten Zeitraum geben wir einen Überblick über die Folgen der COVID-19-Pandemie für die Gesundheit, die Gesellschaft und die Wirtschaft. Im letzten Abschnitt gehen wir detaillierter auf zentrale Themen ein, die im Haupttext genannt werden: langfristige Strategie, Durchimpfungsrate, Organisation von Massenimpfungen, schwindende Immunität, Evolution des Virus, Einhaltung von Maßnahmen, aerogene Übertragung und One Health. Wir hoffen, dass die Erkenntnisse unserer Synthese als wissenschaftliche Grundlage für politische Debatten dienen werden, indem sie einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Überlegungen zur Bewältigung der Pandemie geben und gleichzeitig andere Vorhersagestudien informieren.

Schlüsselfaktoren, die den Verlauf der Pandemie bestimmen

Unser Ausgangspunkt ist die Situation im Frühjahr 2021. Während der COVID-19-Wellen im Winter 2020-2021 traten in vielen europäischen Ländern hohe Infektionszahlen auf, die mancherorts die Krankenhäuser überforderten. Dies lag zum Teil an der unzureichenden Intensivstationenkapazität in einigen Ländern.2 Auch verzögerte Reaktionen und eine geringere Wirksamkeit nicht-pharmazeutischer Interventionen (NPI) im Vergleich zur ersten Welle spielten eine Rolle.3 Selbst Länder, die bis dahin relativ wenige Fälle und eine geringe Zahl an Todesfällen hatten, wurden im Winter schwer getroffen. Ab Anfang 2021 erlebt Europa einen weiteren Anstieg der Fälle, der im April 2021 seinen Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Das Auftreten und der Schweregrad dieser Wellen ist in Europa sehr unterschiedlich (siehe Abbildungen 1 und 2). Auch die zukünftige Entwicklung der Pandemie wird wahrscheinlich heterogen sein. In den folgenden Abschnitten konzentrieren wir uns auf drei Schlüsselfaktoren, die zu dieser Heterogenität beitragen.

Abbildung 1: Vergleich der COVID-19-Pandemie in allen Ländern der Europäischen Region der WHO (mit Ausnahme der Türkei und Turkmenistans wegen fehlender Daten im verwendeten Datensatz). Die Länder sind von oben nach unten mit einer abnehmenden kumulativen Anzahl von COVID-19-bedingten Todesfällen pro Million Menschen angeordnet. Die Skala der y-Achse der Ridgeline-Diagramme ist für alle Länder die gleiche für die gemeldeten Todesfälle bzw. die Inzidenz. Auch wenn die gemeldeten Zahlen mit einer großen Unsicherheit behaftet sind, sind die Unterschiede zwischen den Ländern und den Wellen deutlich. Datenquelle: https://corona-api.com (Zugriff: 28. Juni 2021).

Abbildung 2: Vergleich der COVID-19-Pandemie in einer Auswahl von europäischen Ländern, gruppiert nach geografischer Nähe. Es sind viele Unterschiede in der gemeldeten Inzidenz, den gemeldeten Todesfällen und der Übersterblichkeit zu beobachten. Auch wenn die gemeldeten Zahlen mit großer Unsicherheit behaftet sind, sind die Unterschiede zwischen den Ländern und Wellen deutlich. Datenquellen: https://ourworldindata.org/covid-cases und https://ourworldindata.org/excess-mortality-covid (Zugriff: 29. Juni 2021).

Bevölkerungsimmunität und Impfungen

Bevölkerungsimmunität (auch Herdenimmunität genannt) beschreibt eine Situation, in der genügend Menschen in der Bevölkerung gegen einen Erreger immun sind, so dass er sich nicht weit verbreiten kann (WHO, 2020a). Der erforderliche Anteil an immunen Personen in der Bevölkerung wird hauptsächlich durch die Infektiosität des SARS-CoV-2 bestimmt und dadurch, inwieweit Immunität nach vergangener natürlichen Infektion oder von Impfstoffen die Übertragung zu reduziert.4 Modelle, die von Basisreproduktionszahlen von 2,5-3,5 ausgehen, haben in der Vergangenheit geschätzt, dass im Fall von SARS-CoV-2 eine übertragungshemmende Immunität von 60-72 % der Bevölkerung erforderlich ist.5,6 Dieser Wert ist bei infektiöseren Varianten höher. Daher ist wahrscheinlich ein Mindestimmunisierungsgrad von 80 % der Gesamtbevölkerung erforderlich.7,8 Diese Zahl wäre mit einer Impfung allein nur schwer zu erreichen, wenn die Impfstoffe nicht vollständig vor einer Infektion schützen oder eine Weiterübertragung verhindern. Außerdem muss die Immunisierung über alle Bevölkerungsgruppen hinweg homogen sein, da sonst Übertragungslücken entstehen können. Um dieses Ziel zu erreichen, könnte man Zwangsimpfungen in Erwägung ziehen - deren Wirksamkeit bleibt umstritten, da die Durchimpfung von einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren abhängt.9,10 Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 ergab, dass Zwangsimpfungen im Kindesalter mit einer verbesserten Durchimpfung verbunden sind11, ein Ergebnis, das durch spätere Erfahrungen in Italien gestützt wird.12,13 Allerdings sind damit viele rechtliche, ethische, kulturelle und technische Fragen verbunden. Es wurde argumentiert, dass eine Impfpflicht nur dann in Betracht gezogen werden sollte, wenn alle anderen Gründe für eine geringe Inanspruchnahme, wie z. B. die Zugänglichkeit, behoben sind. Letztendlich sollte die Entscheidung den jeweiligen Kontext und das Risiko unbeabsichtigter Folgen berücksichtigen.9,14,15,16,17 Kurzfristig ist es in jedem Fall wichtiger, verfügbare Impfstoffe dort zu verteilen, wo sie am meisten benötigt werden.18

Ein Beitrag zur Immunität der Bevölkerung kommt auch von der sogenannten natürlichen Immunität, als Ergebnis einer früheren Infektion mit SARS-CoV-2 und möglicherweise durch Kreuzimmunität aufgrund einer früheren Exposition gegenüber anderen Coronaviren.19,20 Der Anteil derjenigen, die in der Bevölkerung natürlich immun sind, variiert stark zwischen den europäischen Ländern. In allen Ländern blieb jedoch die Mehrheit der Bevölkerung für eine Infektion empfänglich.21

Bei Personen, die eine SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht haben, konnten Antikörper bis zu neun Monate nach der Infektion weiter nachgewiesen werden.22 Etwa 95 % der Menschen behalten das “Immungedächtnis” sechs Monate nach der Infektion bei.23,24,25 Dies deutet darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit einer Reinfektion und eines schweren Krankheitsverlaufs in diesem Zeitrahmen gering ist, aber eine Reinfektion ist dennoch möglich.26,27,28

Der zweite wichtige Faktor, der zur Immunität der Bevölkerung beiträgt, ist die Impfung. Die ersten Impfstoffe sind für die Verwendung bei Erwachsenen zugelassen und scheinen die Infektionen in unterschiedlichem Maße zu reduzieren, typischerweise im Bereich von 80-90 % für mRNA-Impfstoffe (nach zwei Dosen)29,30,31 und potenziell niedriger für andere.32,33 Impfstoffe reduzieren jedoch wahrscheinlich auch dann die Übertragbarkeit, wenn sich Menschen trotz voriger Impfung anstecken.34 Vor allem scheinen sie schwere Symptome und Krankenhausaufenthalte zu verhindern, wobei eine relative Risikoreduktion von etwa 70-95 % erreicht wird.30,32,35,36,37 In Europa schreiten die Impfprogramme fort (siehe Abbildung 3).38

Abbildung 3: Fortschritte bei der Impfung in Europa. a. Anteil der Bevölkerung, der mindestens eine Dosis des COVID-19-Impfstoffs in Europa erhalten hat (Stand: 26. Juni 2021). Es gibt große Unterschiede in der Durchimpfungsrate. b. Gemeldete Inzidenz (Linien) und erreichte Impfmeilensteine (Dreiecke) seit Beginn der Impfprogramme. Datenquelle: https://ourworldindata.org/covid-vaccinations (Zugriff: 29. Juni 2021).

Die Chancen, eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen, hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab, unter anderem von der politischen Führung, dem Vertrauen in die öffentliche Gesundheit und andere Behörden, dem Zugang zu und der Berechtigung für Impfstoffe sowie der Akzeptanz von Impfstoffen. Letzteres ist besonders entscheidend. Im April 2021 ist die Akzeptanz für die Nicht-MRNA-Impfstoffe mit geringerer berichteter Wirksamkeit geringer. Die sich immer wieder ändernden Empfehlungen der Politik und die ständige Berichterstattung in den Medien haben die Menschen weiter verunsichert, vor allem nachdem mitten in der Markteinführung der Impfstoffe AZD1222 (AstraZeneca) und Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson) Hinweise auf mögliche Zusammenhänge mit seltenen, teilweise tödlichen Nebenwirkungen aufgetaucht sind.39,40 Bei älteren Menschen und den am meisten gefährdeten Personen, die den Impfstoff in der Anfangsphase erhalten haben, ist die Akzeptanz des Impfstoffs generell hoch.41,42 In jüngeren Altersgruppen scheint die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, geringer zu sein43,44 - in Frankreich planen derzeit nur etwa 40 % der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, sich impfen zu lassen.45 Darüber hinaus ist die Impfquote in den Gruppen der Beschäftigten im Gesundheitswesen in einigen Ländern - z. B. in Belgien und Frankreich - eher beunruhigend niedrig.46,47,48 Die Wahrnehmung einer zunehmenden Impfquote könnte jedoch diejenigen motivieren, die noch zögern.49 Abschließend lässt sich sagen, dass die Frage der Impfquote eine sich ständig verändernde Situation darstellt.50

“Variants of concern” - Besorgniserregende Varianten

VOCs werden so genannt, weil sie bestimmte Mutationen aufweisen, die Konsequenzen für die Pathogenität von SARS-CoV-2 haben. Bestehende und neu auftretende SARS-CoV-2-VOCs stellen eine Herausforderung dar, da sie im Vergleich zur ursprünglichen Variante die Übertragbarkeit oder den Schweregrad der Krankheit erhöhen, die Dauer der Infektion verlängern, die Dauer der postinfektiösen Immunität verkürzen oder den Immunantworten des Wirts auf eine natürliche Infektion oder auf Impfstoffe entgehen können. Sie könnten auch die Genauigkeit der diagnostischen Tests, das Spektrum der nachweisbaren Symptome und das therapeutische Management beeinflussen. Die Häufigkeit und das Spektrum der Varianten von SARS-CoV-2 werden von funktionellen Einschränkungen und evolutionärem Druck abhängen. 

Die Alpha-Variante (B.1.1.7), die zuerst in Großbritannien entdeckt wurde, zeigte eine höhere Übertragbarkeit51,52, eine längere Dauer der akuten Infektion53, eine höhere Hospitalisierungsrate54 und wahrscheinlich eine höhere Sterblichkeitsrate als zuvor zirkulierende Varianten.51,55,56,57 Die Beta-Variante (B.1.351), die zuerst in Südafrika entdeckt wurde, weist eine höhere Übertragbarkeit auf,58 wobei die Auswirkungen dieser Variante auf den Schweregrad der Erkrankung nach Stand April 2021 noch ungewiss sind.59 Beta und Gamma (P.1), letztere aus Brasilien stammend, scheinen sich teilweise der Immunantwort zuvor infizierter Personen zu entziehen.26,60 In Europa wurde die Alpha-Variante im Dezember/Januar 2020 zur dominanten Variante, z. B. in Großbritannien, Irland und Portugal, und im Februar/März 2021, z. B. in Frankreich und Deutschland.61 Im Gegensatz dazu sind die Beta- und Gamma-Varianten in Europa bisher noch nicht weit verbreitet. Die Delta-Variante (B.1.617.2) scheint übertragbarer zu sein als frühere Stämme.62

Es besteht Unsicherheit über die Wirksamkeit der verfügbaren Impfstoffe in Bezug auf VOCs. Aktuelle Impfstoffe scheinen gegen Alpha wirksam zu sein.29,31 Es gibt jedoch einige Hinweise darauf, dass die Wirksamkeit einiger Impfstoffe für Beta, Gamma und Delta reduziert sein könnte.32,62,63,64 Es bleibt unklar, in welchem Ausmaß dies der Fall ist und wie stark der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen betroffen sein könnte.

Je mehr Infektionen in der menschlichen Population vorhanden sind, desto höher ist die Mutationsrate. Dies kann zu einer Selektion für VOCs mit Übertragungsvorteil oder, an Orten mit hohen Raten natürlicher oder geimpfter Immunität, VOCs mit Escape-Mutationen führen. In Ländern ohne gut etablierte genetische Überwachung kann dies eine unkontrollierte Ausbreitung ermöglichen. In diesem Fall müssen die Impfstoffe aktualisiert werden, um gegen diese neuen VOCs zu schützen, mit den daraus resultierenden Anforderungen, eine Zulassung zu erhalten, hergestellt und neu verteilt zu werden. Je weiter die Infektion jedoch verbreitet ist, desto mehr Mutationen werden auftreten, die am Ende einen evolutionären Vorteil haben könnten. Der beste Schutz ist daher, die Übertragung zu reduzieren. Erst nach ausreichender globaler Durchimpfung wird die Mutationsrate aufgrund der geringeren viralen Ausbreitung in der postpandemischen Phase sinken.8

Öffentliche Reaktionen auf die Pandemiepolitik

Solange die Immunität der Bevölkerung nicht erreicht ist, bleibt die Aufrechterhaltung eines angemessenen und weithin akzeptierten NPI-Niveaus zur Eindämmung der Ausbreitung von entscheidender Bedeutung.65,66 Wenn es zu einem Anstieg der Infektionen kommt, müssen die NPI neu implementiert oder verstärkt werden; je früher dies geschieht, desto effektiver sind sie.67 Die Entschlossenheit und Rechtzeitigkeit, mit der die NPI implementiert werden und in Kraft bleiben, hängt jedoch von der Führung und der öffentlichen Meinung ab.68 Außerdem gilt: Je höher die Wirksamkeit der Maßnahmen, desto mehr werden sie von der Öffentlichkeit akzeptiert und unterstützt.69

Im Frühjahr 2021 werden Pandemie-Maßnahmen in vielen Teilen Europas nicht gut angenommen.70 Eine Reihe von Faktoren trägt wahrscheinlich dazu bei, darunter die anhaltend hohen wirtschaftlichen71,72,73 und psychologischen Belastungen74,75,76,77,78,79, die unzureichende Risikokommunikation80,81,82,83, das Fehlen transparenter langfristiger Strategien der Regierungen68, die zunehmende Durchimpfungsrate (siehe Abbildung 3) und eine allgemeine Erosion des Vertrauens.84,85,86,87,88 All dies führt zu einer geringeren Befolgung von Regeln und Empfehlungen zur Eindämmung der Ausbreitung von SARS-CoV-2 im Vergleich zur ersten Welle.70,89

Die Wirksamkeit von Regeln und Empfehlungen hängt von der Fähigkeit und Bereitschaft der Bevölkerung ab, sich an sie zu halten.81 Die Befolgung war im vergangenen Jahr von Land zu Land unterschiedlich. In einigen Ländern war die Befolgung anfangs generell recht hoch.89,90,91,92,93 In anderen gab es starke Proteste gegen die Maßnahmen, was manchmal zu deren Lockerung führte.94,95,96 Im Allgemeinen ist eine freiwillige Befolgung wahrscheinlicher, wenn die Notwendigkeit und die Strategie hinter den eingeführten Maßnahmen klar und systematisch kommuniziert werden und wenn das zwischenmenschliche Vertrauen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung höher ist.70,97,98,99,100 Wenn die COVID-19-induzierte Morbidität und Mortalität jedoch ein Niveau erreicht, das die Gesellschaft als untragbar empfindet, steigt die Akzeptanz der NPI wieder.70

 

In Anbetracht dieser Schlüsselfaktoren, die der zukünftigen Entwicklung der Pandemie zugrunde liegen, können wir überlegen, was wir in Zukunft, beginnend mit dem Sommer 2021, erwarten können.

Die Perspektive für den Sommer 2021

Der Sommer 2021 wird in Europa wahrscheinlich eine gewisse Erleichterung bringen, da die Menschen mehr Zeit im Freien verbringen101, die Impfprogramme voranschreiten und die Bekämpfungsstrategien verbessert werden, z. B. durch eine verbesserte Verfügbarkeit und Vielfalt von Testtechnologien.102 Die erwartete Erleichterung könnte gefährdet sein, wenn die Kombination aus natürlicher Immunität und Durchimpfungsrate gering ist und die Lockerung von Maßnahmen nicht sorgfältig gehandhabt wird. Darüber hinaus wird die zunehmende internationale Reisetätigkeit das Risiko des Imports von VOCs, die außerhalb Europas auftreten, und das Risiko der Verbreitung von VOCs, die innerhalb des Kontinents auftreten, über europäische Nationen hinweg erhöhen. Wenn VOCs auftauchen, die in der Lage sind, Immunreaktionen zu umgehen, müssen die NPI möglicherweise wieder eingeführt oder verstärkt werden, selbst in Bevölkerungen, in denen ein relativ hohes Maß an Immunität erreicht worden ist. Ein gemeinsames europäisches Ziel, die Infektionsraten niedrig zu halten und international eine enge Überwachung der Inzidenz und der viralen Genome, insbesondere von infizierten internationalen Reisenden, zu koordinieren, würde dazu beitragen, das Risiko des Auftretens von VOCs zu reduzieren.103

Sobald die Durchimpfungsrate von den Entscheidungstragenden als ausreichend hoch angesehen wird, könnten die Länder unter weiteren Druck geraten, die Maßnahmen wieder zu lockern. Wenn die (meisten) Risikogruppen zuerst geimpft werden, wird es in der Bevölkerung einen geringeren Anteil an schweren Erkrankungen und Todesfällen im Zusammenhang mit COVID-19 geben. Folglich wird auch eine geringere Belastung der Gesundheitssysteme erwartet. Allerdings sind einige Risikopersonen möglicherweise (noch) nicht geimpft, der Schutz durch die Impfung ist nicht perfekt und kann im Laufe der Zeit nachlassen, und ungeimpfte und möglicherweise auch einige geimpfte Personen werden weiterhin das Virus übertragen. Dies macht es unwahrscheinlich, dass die Beschränkungen vollständig aufgehoben werden können, ohne eine weitere größere Welle zu riskieren. Eine weitere Welle würde zu erhöhter Morbidität und Mortalität bei ungeimpften Menschen führen, oder generell bei denen, denen die Impfstoffe keinen Schutz verliehen haben.104 Da die Impfstrategien zunächst ältere Menschen berücksichtigen, würde eine Welle im Sommer vor allem relativ jüngere Altersgruppen treffen. Außerdem würde sie das erschöpfte Gesundheitspersonal und die Gesundheitssysteme, die jetzt über längere Zeiträume hinweg überfordert sind, weiter belasten. Daher müssen bestimmte Eindämmungsstrategien adaptiv beibehalten werden.105 Bei der Überlegung, Maßnahmen beizubehalten, könnten Länder auch die Gelegenheit nutzen, niedrige Fallzahlen zu erreichen, da mit zunehmender Immunisierung die Eindämmung von COVID-19 erleichtert wird. In einer Situation mit niedrigen Fallzahlen erleichtert ein effektives Test-Trace-and-Isolate(TTI)-System, unterstützt durch digitale Apps zur Kontaktnachverfolgung, die Kontrolle der Epidemie zusätzlich.106 In einem solchen Regime müssen möglicherweise nur wenige Maßnahmen, wie das Tragen von (FFP2)-Masken oder grundlegende Hygienemaßnahmen, beibehalten werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Länder im Sommer 2021 immer noch mit überlasteten Intensivstationen und einer anhaltenden strengen Verhängung von NPI konfrontiert sein könnten. Dies ist eine Folge der Grenzen der verfügbaren Impfstoffe, der unzureichenden Durchimpfungsrate, der erhöhten Mobilität über Grenzen und Regionen hinweg und der Möglichkeit, dass Varianten entstehen, die eine Immunreaktion (teilweise) umgehen. Wenn es einem Land jedoch gelingt, die Fallzahlen niedrig zu halten und den Zustrom und die Ausbreitung neuer VOCs mit einer soliden epidemiologischen Überwachung und reaktiven Maßnahmen zu verlangsamen, dann sind mäßig strenge Maßnahmen ähnlich denen im Sommer 2020 oder möglicherweise sogar weniger Einschränkungen möglich. Das genaue Ausmaß der NPI, die notwendig sind, um eine Überlastung der Gesundheitssysteme regional zu verhindern, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. den Eigenschaften der vorherrschenden VOCs und der Durchimpfungsrate. Eine vollständige Aufhebung aller Beschränkungen (z. B. für große Versammlungen in Innenräumen) ist jedoch im Sommer 2021 wahrscheinlich nicht möglich, ohne weitere Ausbrüche zu riskieren. 

Die Perspektive für den Herbst und Winter 2021

Was im Herbst und Winter 2021 zu erwarten ist, hängt wesentlich davon ab, was im Sommer passiert; insbesondere vom Erfolg der Impfprogramme in Europa und weltweit sowie vom Auftreten und der Ausbreitung von (neuen) VOCs. Im Vergleich zum Sommer bringen Herbst und Winter die zusätzliche Komplikation von ungünstigen saisonalen Effekten.

Es wird erwartet, dass die Saisonalität von Coronaviren zu einem Anstieg der Infektionen in den Herbst- und Wintermonaten führt101,107,108, mit vermehrten Kontakten in Innenräumen.109 Zusätzlich könnten andere saisonale Viren, wie Influenza und Respiratorisches Synzytialvirus, einen größeren Druck auf die Gesundheitsdienste verursachen als im Jahr 2020. Da es weniger Restriktionen geben könnte und die Immunität der Bevölkerung möglicherweise geringer ist als üblich, weil eine Saison der Übertragung "übersprungen" wurde, werden diese anderen saisonalen Viren wahrscheinlich in größerer Zahl zirkulieren als 2020.110,111 Insgesamt könnte der Übergang zum Herbst und Winter problematisch sein, weil die Restriktionen möglicherweise wieder verschärft werden müssen, um einen schnellen Anstieg der Fallzahlen zu verhindern. Basierend auf den Erfahrungen in mehreren europäischen Staaten im Herbst und Winter 2020-2021 besteht das Risiko, dass die Wiedereinführung der notwendigen Gesundheitsmaßnahmen zu spät kommen könnte, um eine weitere Welle im Herbst erfolgreich zu verhindern. Es wird die Aufgabe der Regierungen sein, diese Fehler nicht zu wiederholen.

Im besten Fall haben die Anstrengungen zur Erhöhung der Impfquote ausgereicht, um die Zahl der Fälle und Todesfälle deutlich zu senken, so dass die Beschränkungen fast vollständig aufgehoben werden können. Obwohl die Impfung von Kindern ab 12 Jahren zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen haben könnte112 , könnten andere Gruppen, die noch nicht geimpft wurden, immer noch unter relativ hohen Inzidenzraten leiden. Da die ältesten und am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen mit dem höchsten Risiko, an COVID-19 zu sterben, vorrangig geimpft wurden, wird die Gesamtsterblichkeitsrate in der Bevölkerung und die gesundheitliche Belastung durch SARS-CoV-2 sinken. Daher könnte die Wahrnehmung der verbleibenden Gefahr gering sein: Es wird erwartet, dass mehr als 10 % der infizierten Personen Langzeitfolgen von COVID-19 ("long-COVID") erleiden - zu deren Symptomen Kurzatmigkeit, Müdigkeit und Muskelschwäche gehören können.113,114,115,116,117

Unter der Annahme einer erhöhten internationalen Mobilität, insbesondere aufgrund einer hohen Durchimpfungsrate, kann sich ein möglicher Ausbruch einer neuen VOC in einem Land schnell auf andere Länder ausbreiten. Ohne schnelles Eingreifen kann die erhöhte Mobilität zu gleichzeitigen Ausbrüchen in verschiedenen Ländern und Regionen führen - was die Gesundheitssysteme unter großen Druck setzen könnte. Angesichts dieser Gefahr scheint eine gemeinsame Anstrengung aller europäischen Länder zur Verhinderung des Auftretens und der Verbreitung von VOCs entscheidend.118,119

Kurz gesagt, Länder mit gutem Zugang zu Impfstoffen und hoher Impfquote können im schlimmsten Fall bei Einhaltung moderater NPI (z. B. keine großen Versammlungen in Innenräumen, Gesichtsmasken, Abstand, gute Belüftung und Hygiene) nur geringe Wellen von COVID-19 über den Winter erwarten. Im Gegensatz dazu werden in Ländern mit einer geringeren Durchimpfungsrate schwerere Wellen auftreten, wenn keine geeigneten NPIs implementiert werden. Alle neuen VOCs könnten eine erfolgreiche Eindämmungs- oder Begrenzungsstrategie in Frage stellen, und im Falle einer erhöhten Mobilität werden sie sich wahrscheinlich schnell ausbreiten.

Die Perspektive für die kommenden 3 bis 5 Jahre

Für die kommenden drei bis fünf Jahre lauten die zentralen Fragen: Werden wir die Pandemie hinter uns lassen? Und wenn wir das tun - wann und wie? In welchem Ausmaß wird COVID-19 weiterhin eine Rolle spielen? Was die direkten Auswirkungen von COVID-19 auf die Gesundheit betrifft, so ist es möglich, dass es zu einer Krankheit wird, mit der ein Kind bereits in jungen Jahren konfrontiert wird und sich eine leichte Infektion ähnlich wie bei anderen Coronaviren zuzieht.120 Die Zeitskala für diese Verschiebung ist ungewiss. Eine frühzeitige Exposition und Genesung im Kindesalter kann dem Immunsystem helfen, die Person zu schützen, falls sie später im Leben erneut mit dem Virus in Berührung kommt, und sollte verhindern, dass sie schwere Symptome erleidet. Andererseits ist SARS-CoV-2 (und noch mehr die neuen VOCs) infektiöser und tödlicher als die bekannten endemischen humanen Coronaviren, und es besteht weiterhin das Risiko von long-COVID. Ähnlichkeiten mit Chikungunya deuten darauf hin, dass long-COVID zu einer großen Belastung werden könnte.121 Erleichterung könnte jedoch von neuen und verbesserten Therapieoptionen nach der Exposition kommen, wie z. B. antiviralen Medikamenten und monoklonalen Antikörpern.122 Daher gibt es gemischte Hinweise darauf, ob SARS-CoV-2 langfristig eine ernsthafte Bedrohung für die Gesundheit bleiben wird.

Es ist unklar, ob eine Ausrottung von SARS-CoV-2, d. h. eine globale Reduzierung der Infektionshäufigkeit auf Null123, erreicht werden kann. Globale Massenimpfprogramme bieten möglicherweise nur eine unvollkommene Immunität für einige Personen und erreichen in der Regel bestimmte Subpopulationen nicht, so dass Nischen der Suszeptibilität verbleiben. Übertragungen innerhalb dieser Subpopulationen, der hohe Anteil an asymptomatischen COVID-19-Infektionen und das Abklingen der postinfektiösen und impfinduzierten Immunität könnten die Zirkulation des Virus in der Weltbevölkerung aufrechterhalten. Selbst wenn das Virus beim Menschen eliminiert wird, könnte es aufgrund der Vielzahl dokumentierter nicht-menschlicher Wirte124,125,126,127 weiterhin zirkulieren, wobei das Risiko einer Infektion und potenziellen Weiterverbreitung zwischen anfälligen menschlichen Wirten bestehen bleibt. Darüber hinaus könnte das Virus innerhalb menschlicher oder nicht-menschlicher Wirte mutieren, um einer Immunantwort zu entgehen, was möglicherweise wiederholte Auffrischungsimpfungen erforderlich macht. In jedem Fall würde die Ausrottung von SARS-CoV-2 ein weltweites politisches Engagement und eine einheitliche öffentliche Zustimmung erfordern, dass die Ausrottung das übergreifende Ziel ist. Beim Pockenvirus, dem einzigen Virus, das den Menschen infizieren konnte und ausgerottet wurde, war ein gezieltes und global konzertiertes Vorgehen über Jahrzehnte hinweg notwendig128,129, wobei ein besonderer Fokus auch auf dem Erreichen benachteiligter Bevölkerungsgruppen lag.130

Die Eliminierung, hier eine vorübergehende Reduzierung der Infektionshäufigkeit auf Null in einer Region oder einem Land durch gezielte und fortgesetzte Maßnahmen, ist in einigen wenigen Ländern erreicht worden, z. B. in Australien, China, Neuseeland, Singapur und Vietnam. Bei einer weit verbreiteten Impfung könnten andere versuchen zu folgen, da Eliminierungsstrategien Vorteile gegenüber Eindämmungs- oder Unterdrückungsstrategien mit fortgesetzter Viruszirkulation bieten können.131 Unter der Annahme, dass auch Kinder geimpft werden, könnten einige dieser Länder eine ausreichend hohe Durchimpfungsrate erreichen, um eine lokale Übertragung nachhaltig zu verhindern. In anderen Ländern, in denen die Immunität in der Bevölkerung unzureichend oder zu heterogen für eine Eliminierung ist, wird erwartet, dass SARS-CoV-2 auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau verbreitet bleibt, mit wiederkehrenden lokalen und saisonalen Ausbrüchen.120,132 In Ermangelung einer Eradikation muss die epidemiologische Überwachung (und TTI) bestehen bleiben und weiter verbessert werden.53 Der Grad der Immunität in der Bevölkerung wird eine weit verbreitete Morbidität und Mortalität verhindern, aber es könnte eine erhebliche Gefahr für ungeimpfte gefährdete Personen bestehen bleiben.4 Eine wichtige gesellschaftliche Frage wird sein, welcher Grad eines solchen Risikos bei der Abwägung anderer gesellschaftlicher Ziele als akzeptabel angesehen wird. 

Schließlich ist Europa mit zahlreichen indirekten langfristigen Auswirkungen der Pandemie konfrontiert. Ohne eine vollständige Liste vorlegen zu wollen, gehören zu den Folgen: 

Gesundheit: Im vergangenen Jahr gab es direkte Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung in der Regelversorgung, insbesondere für Patienten mit chronischen Erkrankungen.133,134,135 Dazu gehören ein eingeschränkter Zugang zur Primärversorgung136, die Stornierung elektiver medizinischer und chirurgischer Eingriffe137 und Unterbrechungen von Screening-Programmen.138,139 Eine potenziell suboptimale Gesundheitsversorgung für nicht übertragbare Krankheiten könnte ein Fortschreiten chronischer Krankheiten und Komplikationen akuter Erkrankungen verursachen. Risikopopulationen, die nicht ausreichend von Früherkennungsprogrammen abgedeckt werden, könnten nun innerhalb eines Zeitraums von 3 bis 5 Jahren ernsthafte Krankheiten entwickeln. Daher könnten einige Länder durch den Anstieg der Prävalenz nicht übertragbarer Krankheiten weitere gesundheitliche und wirtschaftliche Belastungen (mehr Krankheitstage, weniger Arbeitskräfte, Produktivitätsverluste und höhere Gesundheitskosten) erfahren.140 Mit potenziell zunehmenden Investitionen in die Pandemievorsorge besteht die Gefahr von Kürzungen in anderen Bereichen des öffentlichen Gesundheitswesens, was die Auswirkungen auf die Prävention und die Kontrolle chronischer Krankheiten verschärft. Zusätzlich werden die enormen Folgen für die psychische Gesundheit während dieser Pandemie, insbesondere bei jungen Menschen75,79, bei Mitarbeitern des Gesundheitswesens141 und bei Personen, die bereits unter sozialer Benachteiligung und Diskriminierung leiden142,143,144,145, eine langwierige Wirkung haben. Auch wenn sich die Folgen nicht in höheren Selbstmordraten146 niederzuschlagen scheinen, besteht die Notwendigkeit, die Dienste neu auszurichten und eine solide psychische Gesundheits- und Sozialfürsorge für die Bevölkerung zu gewährleisten. 

Wirtschaft: Obwohl sich viele Facetten der Wirtschaft in einigen wohlhabenden Ländern bald erholen könnten71, werden andere Länder Schwierigkeiten haben, die Wirtschaftskrise zu überwinden. Die Tourismusindustrie hat schwer gelitten und gefährdet den Lebensunterhalt und die Wirtschaft in Ländern, die von ihr abhängig sind, und treibt eine wachsende Kluft zwischen Nord- und Südeuropa voran.147 Auch der Kultursektor wurde von der Pandemie wirtschaftlich getroffen.148,149,150,151 Die öffentliche Verschuldung ist gewachsen, und dies stellt ein Risiko für die finanzielle Stabilität dar - insbesondere in Ländern, die von der Pandemie stärker betroffen sind. Die zunehmende Digitalisierung sowie Remote- und flexible Arbeitspläne werden die Beschäftigung potenziell verändern.152 In der Zwischenzeit hinken die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen für diese neuen Arbeitsformen sowie die unterstützenden Mechanismen (z. B. für einen guten Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz) hinterher. 

Gesellschaft: Ungleichheiten haben sich durch die Pandemie verschärft.144,153,154 Dies geht weit über gesundheitliche Ungleichheiten155 hinaus und betrifft auch Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern156,157 und im Bildungsbereich.158 Viele Kinder verpassten längere Zeiträume der persönlichen Bildung und der allgemeinen sozialen Interaktion. Gleichzeitig ist das Vertrauen zwischen Bürgern und Staaten durch eine Vergrößerung der sozioökonomischen Kluft weiter erodiert.145,159,160,161 Diese beiden Faktoren stellen eine Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt dar und könnten in den kommenden Jahren zu sozialen Unruhen führen. Darüber hinaus könnte das Narrativ der "Bedrohung von außen" und der "sicheren Grenzen" in Diskussionen über das Virus zur Intensivierung bereits bestehender nationalistischer und manchmal offen fremdenfeindlicher, sozialer und politischer Diskurse beitragen.162 Der geschwächte Kultursektor könnte außerdem durch lang anhaltende Versammlungsbeschränkungen herausgefordert werden, wodurch viele Plattformen wegfallen, auf denen sich Gesellschaften diesen Themen nähern und sich mit ihnen auseinandersetzen könnten. Darüber hinaus werden viele Fortschritte bei den Sustainable Development Goals, insbesondere bei der Armutsbekämpfung, rückgängig gemacht werden.163

Selbst wenn die Rate der Neuinfektionen schließlich deutlich zurückgeht, werden die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sozialen Schäden der Pandemie noch lange Zeit zu spüren sein. 

Der Weg in die Zukunft

Wir können schlussfolgern, dass COVID-19 auch in den kommenden Jahren viele Herausforderungen mit sich bringen wird. Die wirtschaftlichen, kulturellen und gesundheitlichen Folgen der Pandemie sind bereits jetzt immens und die Gesellschaften werden möglicherweise lange brauchen, um sich zu erholen. Die zunehmende Verfügbarkeit von Impfstoffen wird in den nächsten Monaten eine erhebliche Erleichterung bringen, aber wenn sie nicht mit umfassenden Strategien und öffentlicher Unterstützung einhergehen, werden sie allein nicht vor weiteren schädlichen Ausbrüchen in den nächsten Jahren schützen. Die begrenzte Akzeptanz von Impfstoffen und die abnehmende öffentliche Unterstützung der Maßnahmen erschweren den Weg aus der Pandemie und im schlimmsten Fall können neue VOCs die aktuellen Impfstoffe weniger wirksam machen.

Die Eradikation, d. h. die vollständige globale Eliminierung, von SARS-CoV-2 scheint unwahrscheinlich. Doch selbst wenn eine Ausrottung nicht erreicht werden kann, könnten Strategien, die auf eine lokale Eliminierung von SARS-CoV-2 abzielen, in einigen Situationen wirksam sein. Wenn sie erreicht wird, bietet die lokale Eliminierung klare Vorteile gegenüber einer Eindämmung oder Unterdrückung mit fortgesetzter Viruszirkulation, zumindest bis ein ausreichender Schutz vor schweren Symptomen in der Bevölkerung gegeben ist. Eine erfolgreiche Strategie zur Eliminierung oder Unterdrückung von SARS-CoV-2 würde ein politisches Engagement und eine einheitliche öffentliche Zustimmung erfordern, dass die Eliminierung oder das Ziel niedriger Fallzahlen das übergeordnete Ziel ist. Um dieses Ziel zu erreichen, sind eine klare, evidenzbasierte und kontextrelevante Strategie sowie konzertierte Anstrengungen und Maßnahmen entscheidend. Länder, die sich zu dieser Strategie bekennen, müssten über (a) schnelle Impfprogramme in allen Altersgruppen, (b) ausreichende NPIs, die nur aufgehoben werden dürfen, wenn die gefährdete anfällige Bevölkerung klein ist, (c) eine enge Kommunikation zwischen politischen Entscheidungsträgern und einer Vielzahl von Experten, um die gesellschaftlichen Kosten und den Nutzen von Maßnahmen gegeneinander abzuwägen, (d) eine Abschwächung des Viruszustroms aus Regionen mit höherer Inzidenz und (e) eine ausreichende öffentliche Gesundheitsinfrastruktur verfügen. Diese Infrastruktur umfasst grundlegende Ressourcen des öffentlichen Gesundheitswesens, gut geschultes Personal in ausreichender Zahl, gut funktionierende TTI-Systeme, eine weit verbreitete Sequenzierung der Virusvarianten und gut etablierte molekulare Überwachungsmechanismen. Internationale Koordination und Kooperation in all diesen Punkten sowie bei der Weiterentwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe (auch für potenzielle neue VOCs) sind unerlässlich.

Im Einklang mit den Sustainable Development Goals sollte gesundes Leben ein globales Allgemeingut sein und Initiativen wie COVID-19 Vaccines Global Access (COVAX) sollten mehr Unterstützung erhalten. Die Unterstützung von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen durch Länder mit hohem Einkommen ist nicht nur entscheidend für die Eindämmung von VOCs, sondern wird auch durch das Prinzip der Solidarität vorgeschrieben.103,164,165 Langfristig ist ein globaler One-Health-Ansatz zur Pandemievorsorge und -bekämpfung entscheidend - unter Berücksichtigung der gegenseitigen Abhängigkeit von Mensch, Tier und Umwelt.166

Diskussion von Parametern, Strategien und deren Kontext

Im Folgenden finden Sie detailliertere Ausführungen zu einigen der im Haupttext diskutierten Aspekte sowie eine Zusammenfassung wichtiger zusätzlicher Themen. Für eine umfassendere Darstellung in jedem dieser Abschnitte gibt es zwangsläufig einige Überschneidungen mit dem vorherigen Text. 

Langfristige Strategie

Um den durch die COVID-19-Pandemie verursachten Schaden zu minimieren, ist eine langfristige Strategie erforderlich, die auf ein gemeinsames, globales und übergreifendes Ziel ausgerichtet ist. Indem ein gemeinsames Ziel kommuniziert wird, auf das die Gesellschaften hinarbeiten, und indem die Gründe für die Umsetzung von Maßnahmen klar formuliert werden, werden diese als weniger willkürlich wahrgenommen.77 Eine solche Strategie muss nachvollziehbar sein und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nur aus der Epidemiologie, sondern aus einer Vielzahl von Disziplinen basieren. Die Kommunikation zwischen Politikern und Experten für eine transparente, evidenzbasierte Politikgestaltung und umfassende, systematisch aktualisierte, kontextrelevante Risikokommunikationsstrategien ist entscheidend. Um verständlich zu sein, braucht eine Strategie aber auch konsistente Konzepte, die sowohl als verständlich als auch als fair wahrgenommen werden. Daher muss jede Strategie von Überlegungen zur Gerechtigkeit und zu (globalen) Ungleichheiten untermauert werden. Je verständlicher und gerechter solche Modelle des Pandemiemanagements sind, desto eher werden die Menschen bereit sein, weitergehende Interventionen in ihrem Alltag zu unterstützen.83 Dazu gehört auch zu zeigen, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen in gleicher Weise von der Pandemie betroffen sind.

Die Spezifika der Strategie werden notwendigerweise lokal variieren und sich auch im Laufe der Zeit ändern, angesichts von mehr Daten über (a) das Virus, insbesondere über aktuelle und neu auftretende VOCs, (b) die Entwicklung von Impfstoffen und Behandlungen und (c) die Schäden, die Einzelpersonen, Gemeinschaften und Gesellschaften durch Einschränkungen entstehen. Jede Strategie muss den Schaden, der durch das Virus entsteht, gegen den Schaden durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus abwägen. Diese Abwägung wird sich in Abhängigkeit von den Fortschritten bei der Impfung verändern. Daher wäre es problematisch, wenn sich Regierungen auf eine bestimmte Strategie fixieren und unabhängig von neuen Erkenntnissen und Umständen an ihr festhalten würden. 

Jede Strategie sollte nicht einfach von Politikern entwickelt und der Öffentlichkeit aufgezwungen werden: Solche folgenreichen Strategien sollten so weit wie möglich auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhen - im Bewusstsein, dass manche Politiker:innen ihre Ansichten auf rein ideologische Prämissen stützen könnten. Außerdem sind Maßnahmen viel wahrscheinlicher erfolgreich, wenn sie in einem Prozess der Koproduktion mit denjenigen entwickelt werden, die sie umsetzen müssen und die am meisten betroffen sind.167

Durchimpfungsrate

Wann wird eine ausreichende Durchimpfungsrate erreicht sein?

Impfprogramme schreiten in Europa fort (siehe Abbildung 3).38 Die Chancen, eine hohe Durchimpfungsrate zu erreichen, hängen von der politischen Führung, dem Zugang zu Impfstoffen und den Bedenken und Ängsten in Bezug auf Impfungen ab.168 Letzteres ist vor allem von Land zu Land unterschiedlich.169 Gegenwärtig ist die Durchimpfungsrate im Allgemeinen hoch, da vor allem die ältesten und am stärksten gefährdeten Personen den Impfstoff erhalten.41,42 In den jüngeren Gruppen ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, geringer43,44, was die endgültige durchschnittliche Durchimpfungsrate begrenzt. In einigen Ländern planen derzeit nur etwa 40 % der erwachsenen Bevölkerung, das Angebot einer Impfung anzunehmen.45 Darüber hinaus ist es besorgniserregend, dass in einigen Ländern eine erhebliche Impfzurückhaltung beim Gesundheitspersonal besteht.46,47 Die Wahrnehmung einer zunehmenden Impfstoffaufnahme könnte jedoch diejenigen motivieren, die zögern.49

Wenn das Ziel darin besteht, die Immunität der Bevölkerung zu erreichen, müssen auch Kinder geimpft werden, da das für die Immunität der Bevölkerung erforderliche Immunisierungsniveau sonst wahrscheinlich nicht erreicht werden kann. Wenn nicht geimpft wird, könnten Infektionen bei Kindern zum Mittelpunkt einer jährlichen Herbst- oder Winterepidemie werden. Eine hohe Inzidenz bei Kindern birgt auch das Risiko, dass sich das Virus auf gefährdete Personen in der Allgemeinbevölkerung mit abnehmender Immunität ausbreiten kann. Die Impfung von Kindern wird voraussichtlich im Jahr 2021 möglich sein.112 Die Sichtweise der Eltern und ethische Erwägungen in Bezug auf die Impfung von Kindern können jedoch eine große Herausforderung darstellen.170

Ab April 2021 sind die Impfprogramme in vielen Ländern ins Stocken geraten. Die sich immer wieder ändernden politischen Empfehlungen und die ständige Berichterstattung in den Medien scheinen viele Menschen verunsichert zu haben, nachdem mitten in der Markteinführung der Impfstoffe AZD1222 (AstraZeneca) und Ad26.COV2.S (Johnson & Johnson) Hinweise auf seltene, manchmal tödliche Nebenwirkungen aufgetaucht waren.39,40 Wahrscheinlich ziehen es manche Menschen deshalb vor, auf einen Impfstoff ihrer Wahl zu warten. Zu einem späteren Zeitpunkt kann mit zunehmender Durchimpfungsrate und erfolgreicher Kontrolle der Pandemie die Bereitschaft sinken, sich überhaupt impfen zu lassen, weil das wahrgenommene Risiko unerwünschter schwerer Nebenwirkungen der Impfung das Risiko einer Ansteckung mit der Krankheit übersteigen könnte.171 Dies ist bei anderen potenziell tödlichen Infektionskrankheiten zu beobachten. Sobald diejenigen, die sich impfen lassen können und wollen, geimpft worden sind, können erhebliche Anstrengungen erforderlich sein, um weitere Menschen zur Impfung zu bewegen. Dies würde idealerweise durch eine kohärente Risikokommunikationsstrategie erreicht werden, um die "Infodemie" wirksam zu bekämpfen und die Verbreitung von ungenauen oder irreführenden Informationen über Impfstoffe einzuschränken und zu bekämpfen.

Trotz dieser Herausforderungen ist zu erwarten, dass die meisten Länder mit hohem Einkommen ihre erste Impfrunde in diesem Jahr abschließen werden, während eine ausreichende Durchimpfung in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen deutlich länger dauern wird. Weit verbreiteter Impfstoffnationalismus172, Unterfinanzierung173 und Patentgesetze172 behindern den Erfolg der COVAX-Initiative. Mit den derzeitigen Impfstoffen und Herstellungskapazitäten ist eine ausreichende Abdeckung zur Erreichung der Immunität der Bevölkerung in den ärmsten Ländern nicht vor 2023 zu erwarten. Daher muss die Produktion und globale Verteilung der Impfstoffe massiv und schnell gesteigert werden. Potenzielle Escape-Varianten, die durch eine schlecht kontrollierte Virusausbreitung in Ländern ohne ausreichenden Impfstoffzugang entstehen, oder nachlassende Immunität könnten wiederholte Impfungen erforderlich machen, was den Prozess der globalen Impfung weiter verlangsamt.

Maßnahmen während der Einführung der Impfung

Ohne sorgfältige Eindämmungsmaßnahmen und TTI bleibt die Bevölkerung während der Einführung von Impfprogrammen für COVID-19 anfällig. Ein Mangel an angemessener Vorsicht bei der Lockerung der Beschränkungen wird zu hoher Morbidität, mit dem Risiko von long-COVID, und Mortalität führen. Eine hohe Inzidenz begünstigt auch das Auftreten neuer Varianten, die den Erfolg der Impfungen gefährden können. Der Druck, die Maßnahmen zu lockern, nimmt jedoch zu, wenn ein größerer Teil der Bevölkerung geimpft ist. Wie am Beispiel Chiles zu beobachten ist, kann dies gravierende Folgen haben.174 Alle gesundheitspolitischen Reaktionen auf diese Forderungen sollten daher gut überlegt sein.

Immunitätszertifikate oder -pässe, die geimpften, getesteten oder genesenen Menschen die Rückkehr ins normale Leben ermöglichen sollen, wurden in einigen Regionen erwogen oder eingeführt.175,176 Diese sind mit erheblichen ethischen und sozialen Fragen verbunden. Die Regeln für eine etwaige Verwendung solcher Immunitätszertifikate (oder ähnlicher) müssen offen und gründlich hinsichtlich ihrer immunologischen und ethischen Konsequenzen diskutiert werden, insbesondere im Hinblick auf Fluchtvarianten und eingeschränkte Verfügbarkeit von Impfungen.177 Die Unterscheidung zwischen Geimpften und (noch) nicht Geimpften könnte zu einem weiteren Motor der Ungleichheit werden. 

Darüber hinaus ist es notwendig, die zentrale Metrik zur Messung des Zustands der Epidemie zu überdenken: nämlich die Inzidenz. Die Inzidenz bezeichnet die Anzahl der positiv getesteten COVID-19-Fälle während eines bestimmten Zeitintervalls, normiert auf die Bevölkerung. Viele Diskussionen oder Regeln zur Einführung oder Aufhebung von NPI orientieren sich an Inzidenzschwellen. Wenn aber immer mehr Menschen geimpft werden, konzentrieren sich die Infektionen nur noch in den Bevölkerungsgruppen, die noch empfänglich sind, also bei jüngeren Menschen. In diesem Fall würde eine niedrige Inzidenz immer noch eine große Anzahl von Fällen in jüngeren Altersgruppen bedeuten.

Zum Beispiel könnte eine Inzidenz von 50 pro Million Menschen pro Tag zunächst bedeuten, dass 0,005 % der unter 30-Jährigen jeden Tag infiziert werden. Wenn wir dann annehmen, dass ein Drittel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt ist und der Rest der Bevölkerung vollständig geimpft ist, würde dieselbe Inzidenz bedeuten, dass 0,015 %, also dreimal mehr, der unter 30-Jährigen jeden Tag infiziert sind. Diese Inzidenz in der Gesamtbevölkerung würde dann einer dreifach höheren Inzidenz bei den unter 30-Jährigen entsprechen.

Die Beibehaltung der Inzidenzschwellen für Verschärfungs- und Lockerungsmaßnahmen, wie sie jetzt gelten, würde daher jüngere Menschen einem höheren Risiko aussetzen und eine Gruppe weiter belasten, die von der Pandemie psychologisch75,79,178, wirtschaftlich178 und bildungstechnisch stark betroffen ist.178,179 Andererseits sind jüngere Menschen tendenziell weniger risikoscheu180 und möglicherweise bereit, das Risiko im Austausch für mehr individuelle Freiheit einzugehen. Darüber hinaus bedeutet eine höhere Impfquote bei älteren Menschen bei gleicher Inzidenz eine geringere Belastung der Krankenhäuser und weniger Todesfälle. Das bedeutet, dass die derzeitigen Inzidenzschwellen zu einem späteren Zeitpunkt geringeren Risiken für die Gesundheitssysteme entsprechen würden als heute. Ein letzter Aspekt, der bei der Frage der Inzidenz zu berücksichtigen ist, ist, dass die Gesamtinzidenz auch nach der Impfung ein grobes Maß dafür ist, wie gut die Kontaktverfolgung funktionieren kann. Da die Durchführbarkeit der Kontaktverfolgung ein Hauptfaktor für die Entscheidung über Inzidenzschwellen sein sollte106, wäre dies ein Argument gegen eine Änderung der Schwellenwerte. Nichtsdestotrotz muss diese Frage offen und unter Einbeziehung aller Beteiligten diskutiert werden.

Digitale Gesundheitssysteme und Operations Research zur Organisation von Massenimpfungen

Die Lieferung von Impfstoffen und medizinischem Zubehör beinhaltet komplexe Lieferketten, und die Fragilität von mRNA-Impfstoffen, die eine sehr gute Tieftemperatur-Kühlkette erfordern und unter Umständen bei -20° bis -80° Celsius gelagert werden müssen, erschwert die Planung und Logistik zusätzlich.181 Länder mit erfolgreichen frühen Impfprogrammen während der COVID-19-Pandemie, wie Israel und das Vereinigte Königreich, haben von einem frühen Beginn der Massenimpfung und einer stetigen Impfstoffversorgung profitiert: 

Israel zeichnet sich durch ein nationales digitales Gesundheitsnetzwerk und ein elektronisches Krankenaktensystem aus, das alle Bürger erfasst und auf das alle Gesundheitsmanagement-Organisationen (HMOs) des Landes zugreifen können. Die HMOs sind unabhängig und konkurrieren mit einem Mix aus öffentlichen und privaten Gesundheitsleistungen um Mitglieder. Aber eine straffe Regulierung und hierarchische Struktur in Kombination mit dem vernetzten digitalen Netzwerk ermöglicht es den HMOs, einen nationalen Gesundheitsbetrieb effizient umzusetzen. Darüber hinaus sind die organisatorischen und logistischen Rahmenbedingungen zur Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen Regierung, Krankenhäusern und Notfalldienstleistern gut etabliert, und die Betriebs- und Gesundheitspolitik-Forschung sowie digitale Gesundheitskonzepte werden zur Verbesserung der Gesundheitsversorgungsabläufe eingesetzt.181,182 Einen detaillierten Überblick über diese und andere Faktoren, die zu Israels erfolgreichem Impfprogramm beigetragen haben, haben Rose und Kolleg:innen gegeben.183

Auch beim britischen Impfprogramm spielten digitale Gesundheitssysteme eine wichtige Rolle. Im Rahmen der vorangegangenen Operations-Research-Planung wurden die optimalen Standorte der Impfzentren rechnerisch so abgeschätzt, dass jeder Bürger das nächstgelegene Zentrum im Umkreis von zehn Meilen von seinem Wohnort erreichen konnte.184 Für das Lieferkettenmanagement wurde ein Data-Analytics-Unternehmen beauftragt, eine umfassende Versorgungsdatenbank für Impfstoffe, Zubehör und Geräte zu erstellen.185 Das System integriert auch Informationen über geschultes Personal für die Impfungen, nicht identifizierbare Patientendaten und benötigte Materialien, um Verzögerungen zu vermeiden. Zusätzlich liefert es aktuelle Fortschrittsberichte über die Impfungen an den NHS, um eine genaue Überwachung zu ermöglichen. Weitere Elemente des Impfprogramms, die möglicherweise zu dem frühen Erfolg in Großbritannien beigetragen haben, wurden in einem aktuellen Artikel von Baraniuk ausführlicher diskutiert.186

Insgesamt sind viele der in Israel und Großbritannien verwendeten Werkzeuge und Strategien in den Bereichen digitales Gesundheitsmanagement und Analytik sowie Operations Research auf andere Länder übertragbar. Ihr Einsatz könnte dazu beitragen, die Effizienz der Impfstoffbereitstellung in Umgebungen mit voneinander abhängigen Versorgungsengpässen zu erhöhen.

Technische Kontrollen zur Reduzierung der aerogenen Übertragung

Es gibt eindeutige Belege dafür, dass die luftgetragene Ausbreitung der dominierende Verbreitungsweg für SARS-CoV-2 ist. Studien über menschliches Verhalten, Praktiken und Interaktionen in Chorversammlungen, Schlachthöfen, Fitnessstudios und Pflegeheimen haben Evidenz vorgelegt, die mit der luftgetragenen Verbreitung von SARS-CoV-2 übereinstimmen.187 In Quarantäne-Hotels wurde eine Fernübertragung zwischen Personen in benachbarten Räumen, aber ohne gegenseitige Anwesenheit, dokumentiert.188 “Gesunde Gebäudekontrollen”, wie bessere Belüftung und verstärkte Filterung, sind ein grundlegender - aber oft übersehener - Teil von Risikominderungsstrategien, die über die aktuelle Pandemie hinaus Vorteile haben könnten.189

Es sollten Schritte unternommen werden, um eine gute Belüftung in bewohnten Gebäuden sicherzustellen und damit die Übertragung von Aerosolen abzuschwächen. Priorität sollten Räume haben, in denen die Belüftung fehlt oder unzureichend ist, in denen sich mehrere Personen in unmittelbarer Nähe oder über längere Zeiträume aufhalten und in denen die Wahrscheinlichkeit der Anwesenheit infektiöser Personen größer ist. Es wird vorgeschlagen, die natürliche Belüftung durch Öffnen von Fenstern zu optimieren, den Luftaustausch in kleinen Räumen mit niedriger Deckenhöhe zu erhöhen und die Belüftung in Situationen mit hoher Personendichte oder an Orten, an denen nicht ständig Masken getragen werden, zu verbessern.109 Dies kann zu einer globalen Herausforderung werden, da erhebliche zusätzliche Ressourcen benötigt werden, die nicht direkt mit den Budgets des Gesundheitswesens verbunden sind. Darüber hinaus gibt es nur begrenzte Hinweise auf spezifische Belüftungs- und Filtrationsziele. Ungeachtet dessen kann eine verbesserte Luftqualität in geschlossenen Räumen nicht nur dazu beitragen, Infektionskrankheiten gut vorzubeugen, sondern auch das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit, z. B. das Lernen bei Schulkindern, zu verbessern. 

Nachlassende Immunität

Die Dauer der postinfektiösen und impfstoffinduzierten Immunität gegen COVID-19 könnte eine ausgeprägte individuelle Heterogenität aufweisen, wobei einige Personen überhaupt keine wirksame Immunität ausbilden und andere eine Immunantwort entwickeln, die jahrzehntelang vor einer Reinfektion schützen könnte. Antikörper gegen SARS-CoV-2 wurden bereits neun Monate nach der Infektion nachgewiesen.22 Etwa 95 % der Probanden behalten das Immungedächtnis sechs Monate nach der Infektion.23,24,25 Allerdings wurden auch Reinfektionen beobachtet.26,27,28 Bei einigen Personen sind Reinfektionen sogar im Abstand von wenigen Monaten möglich.190 Die Mechanismen dafür sowie die zu erwartende durchschnittliche Häufigkeit von Reinfektionen sind nicht gut bekannt. Im Fall von SARS-CoV-1 wurde beschrieben, dass die humorale Immunität bis zu zwei bis drei Jahre anhält, während Antigen-spezifische T-Zellen bis zu 17 Jahre nach der Infektion nachgewiesen wurden.191 Es ist wichtig zu bedenken, dass zirkulierende Antikörperspiegel nicht notwendigerweise prädiktiv für das T-Zell-Gedächtnis oder den Grad des Schutzes sind. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine nachlassende Immunität ein realistisches Risiko darstellt und in den kommenden Jahren Auffrischungsimpfungen erforderlich machen kann. 

Wenn es dazu kommt, sind Reinfektionen wahrscheinlich weniger schwerwiegend. Denn eine verbleibende Grundimmunität kann den Verlauf der Infektion verkürzen und Entzündungsreaktionen dämpfen. Eine Verstärkung der Antikörpererkrankung, analog zu dem, was bei Dengue-Fieber beobachtet wurde192, könnte prinzipiell auftreten. Bislang gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass eine Reinfektion zu schwereren Symptomen führen wird. 

Evolution von SARS-CoV-2

Eine wichtige Unbekannte in Bezug auf die Zukunft der Pandemie ist die Fähigkeit des Virus, sich in einer Weise weiterzuentwickeln, die seine Übertragbarkeit, seine Krankheitsschwere oder sein Potenzial, der impfstoffinduzierten Immunität zu entkommen, erhöht. Es wurde angenommen, dass sich das SARS-CoV-2-Virus langsamer entwickeln würde als andere RNA-Viren, da es einen Korrekturlesemechanismus enthält. Im Laufe der Zeit sind jedoch immer wieder neue Konstellationen von Mutationen aufgetreten, die als "besorgniserregende Varianten" bezeichnet werden. Dazu gehören oft spezifische Mutationen, z. B. D614G im Spike-Protein, das die Bindung an die ACE2-Rezeptoren auf menschlichen Zellen verstärkt.193 Diese Mutation ist in den derzeit wichtigen VOCs vorhanden, darunter Alpha, Beta, Gamma und Delta. Eine weitere Mutation, N501Y, bei der die Aminosäure Asparagin durch Tyrosin an Position 501 ersetzt wird, ermöglicht eine engere Bindung des Spike-Proteins an den ACE2-Rezeptor, wodurch die Übertragbarkeit der Krankheit weiter erhöht wird.194 Auch diese Mutation ist in den VOCs Alpha, Beta und Gamma vorhanden. Eine dritte Mutation, E484K, reduziert die Fähigkeit von Antikörpern, die nach einer Impfung oder früheren Infektion gebildet werden, an das Spike-Protein zu binden.58,195 Diese Mutation ist in Beta, Gamma und anderen untersuchten Varianten vorhanden.
Die Einführung von Impfungen wird unweigerlich die Umgebung verändern, in der das Virus zirkuliert. Dadurch entsteht ein evolutionärer Druck für weitere Mutationen, gegen die bestehende Impfstoffe möglicherweise weniger wirksam sind. Viele Mutationen erhöhen jedoch nicht den Konkurrenzvorteil des Virus und können das Virus sogar schwächen, indem sie zum Beispiel die Fähigkeit des Spike-Proteins, an den Rezeptor zu binden, verringern. Daher wird viel davon abhängen, ob es einen oder eine kleine Anzahl von Genotypen des Virus gibt, die optimal für die Übertragung konfiguriert sind. Untersuchungen, die eine Konvergenz der Evolution des Spike-Proteins in verschiedenen SARS-CoV-2-Linien zeigen, unterstützen diese Möglichkeit.196
Diese Frage wurde in einer Analyse von drei besorgniserregenden Varianten behandelt, die in der Pandemie aufgetaucht sind: Alpha, Beta und Gamma.197 Martin und Kolleg:innen stellen fest, dass dieselben Mutationen unabhängig voneinander in geografisch verstreuten Populationen aufgetreten sind, was darauf hindeutet, dass die Evolution des Virus zumindest in gewisser Weise auf einen optimal angepassten Genotyp konvergiert.197 Sie stellen jedoch fest, dass Veränderungen in der Umgebung, in der die Viren übertragen werden, neue Möglichkeiten schaffen können. Varianten, die die N501Y-Mutation tragen, begannen erst im Herbst 2020 aufzutauchen. Nachdem sie die bisherige Evolution des Virus und von Coronaviren in anderen Wirten überprüft haben, schlagen Martin und Kolleg:innen vor, dass das wahrscheinlichste Szenario darin besteht, dass sich das Virus auf eine Art und Weise entwickelt, die zu einer oder mehreren verwandten "Supervarianten" mit erhöhter Übertragbarkeit und Potenzial zur Impfstoffumgehung konvergiert, und sie führen eine Reihe von Codons auf, die solche Varianten erwartungsgemäß besitzen könnten.197 Es ist jedoch nicht möglich, die Situation auszuschließen, in der anderer Evolutionsdruck entsteht, insbesondere angesichts der sehr kurzen Zeit, in der dieses Virus im Menschen zirkuliert, und basierend auf den Erfahrungen mit anderen Viren.

Verbesserung der Einhaltung von Regeln und Empfehlungen

Klarere Kommunikation

Da die angenommene Wirksamkeit von Maßnahmen ein wesentlicher Prädiktor für ihre Schutzwirkung ist84, wird es auch weiterhin von entscheidender Bedeutung sein, die wissenschaftliche Kommunikation darüber zu verbessern.77 Dies ist entscheidend, weil spezifische Maßnahmen, wie das Ziel einer sehr niedrigen Inzidenz, das Verständnis komplexer zugrunde liegender Systeme erfordern. Politiker und Wissenschaftler müssen klar und wahrheitsgetreu zur Öffentlichkeit sprechen und dabei die mit der Pandemie verbundenen Risiken oder die Wirksamkeit von Maßnahmen weder unter- noch überbewerten. Wissenschaftler, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen sehr darauf achten, persönliche Meinungen und Interpretationen von allgemein akzeptierten wissenschaftlichen Fakten abzugrenzen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass genau die öffentlichen Gesundheitsmaßnahmen und -kampagnen (z. B. Impfungen) untergraben werden, die die Wissenschaftler propagieren.

Auch die Medien haben eine Rolle zu spielen. Es ist offensichtlich, dass die Berichterstattung regelmäßig von der ideologischen Haltung der Medienunternehmen beeinflusst wird. In den USA zum Beispiel haben konservative Medien diejenigen, die vor den Risiken von COVID-19 warnten, wie Anthony Fauci, stark kritisiert und Verschwörungstheorien gefördert. Studien auf individueller und regionaler Ebene haben Assoziationen zwischen der Nutzung konservativer Medien, wie Fox News, und dem Glauben an Verschwörungstheorien, reduziertem Tragen von Masken und geringerer Einschränkung der Mobilität gezeigt. Eine andere Studie, die Umfragedaten aus den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich verwendete, untersuchte die Absicht, sich impfen zu lassen. Sie fand heraus, dass die Absicht mit der Nutzung von Rundfunk- und Printmedien (sowie der Unterstützung für Hillary Clinton im Jahr 2016 oder die Labour Party im Vereinigten Königreich) assoziiert war. Eine andere Studie, die nach der Abhängigkeit von sozialen Medien für Informationen fragte, fand ebenfalls eine Assoziation mit reduzierter Absicht fand. Anderweitig wurde keine Assoziation zwischen Impfabsicht und der Nutzung sozialer Medien gefunden.198

Stärkende Maßnahmen

Die Einhaltung von Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit kann nur erreicht werden, wenn die Menschen dazu in der Lage sind.199 Diese Erkenntnis wird durch die Tatsache gestützt, dass eine besonders geringe Einhaltung bei Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen beobachtet wurde.200,201 Wir müssen uns daher darauf konzentrieren, Maßnahmen sozial akzeptabel zu machen, und uns auf die psychische Gesundheit und Möglichkeiten konzentrieren, soziale, wirtschaftliche und psychologische Belastungen im Zusammenhang mit der Pandemie zu verhindern oder zumindest zu lindern. Den Menschen zu helfen, mit der Situation umzugehen, und die Gesellschaft zu stärken, wird letztlich der Adhärenz zugute kommen und die Wirksamkeit der Maßnahmen sicherstellen.202 Daher müssen die Regierungen mehr Unterstützung verschiedener Art (wirtschaftliche Hilfe, mehr psychische Gesundheitsversorgung, soziale Hilfe usw.) bereitstellen. Es ist von entscheidender Bedeutung, Menschen aus niedrigeren sozioökonomischen Verhältnissen zu unterstützen. Wo es möglich ist, sollte der Stress bei den Eltern und damit bei den Kindern reduziert werden. Dies gilt insbesondere, da Kinder in Bezug auf die psychische Gesundheit besonders stark betroffen sind.75,79 Es ist auch wichtig, Hilfe für diejenigen zugänglich zu machen, die der lokalen Sprache nicht mächtig sind, die nicht in der Lage sind, Hilfe zu beantragen (z. B. aufgrund von digitaler Ausgrenzung), und die Unterstützungsangebote nicht kennen. Die Unterstützung muss sich an diejenigen richten, die sich in einem Land aufhalten, nicht nur an die offiziellen Bürger des Landes, um die Verschärfung bestehender Ungleichheiten zu verhindern.

Physische, nicht soziale, Distanzierung

Es sollte betont werden, dass die Einschränkung des Virus nicht zwangsläufig eine Einschränkung der sozialen Interaktionen per se bedeutet. Politiker:innen und wissenschaftliche Berater:innen sollten eine Politik verfolgen, die die Gemeinschaft in einer Zeit der Einsamkeit, Depression und Angst aktiv belebt; aber auf eine Art und Weise, die mit der wichtigen Aufgabe, die Fälle und Todesfälle von COVID-19 zu senken, im Einklang bleibt. Zum Beispiel sind Investitionen in die städtische öffentliche Gesundheit sehr wichtig, von Grünflächen bis hin zu kleinen und sicheren Gemeinschaftstreffen. Für letzteres sollten die Menschen ermutigt werden, sich draußen in kleinen Gruppen zu treffen, um soziale Interaktionen auf eine physisch distanzierte Weise zu haben.203

One Health

Ein One-Health-Ansatz zur Krankheitsbekämpfung berücksichtigt die Interdependenz von Mensch, Tier und Umwelt mit interdisziplinärem Denken und Maßnahmen.204,205 Ein solcher ganzheitlicher multi- und transdisziplinärer Ansatz ist erforderlich, da es in unserer vernetzten Welt nicht ausreicht, nur die menschliche Gesundheitsperspektive zu betrachten. Tierische Reservoire spielen höchstwahrscheinlich eine wichtige Rolle bei SARS-CoV-2 und anderen viralen Infektionen. Dies ist sicherlich der Fall, wenn es um den Ursprung von viralen Humanpathogenen geht, z. B. bei Fledermäusen, Schweinen oder Hühnern.206 Ein besonders relevantes Tier in diesem Zusammenhang könnte die Fledermaus als Quelltier sein, aus dem Viren entstehen können, die gegen hohe Temperaturen oder Fieber beim Menschen resistent sind.207 Da SARS-CoV-2 nun ein hauptsächlich von Mensch zu Mensch übertragenes Virus ist, ist nicht ganz klar, inwieweit andere Tiere, wie z. B. Haustiere oder Nutztiere, eine wichtige Rolle spielen. Mehrere Tiere, die mit infizierten Menschen in Kontakt gekommen sind, wurden positiv auf SARS-CoV-2 getestet; Nerze, Hunde, Hauskatzen, Löwen und Tiger.124,125,127 Wir sollten das Auftreten von SARS-CoV-2 bei diesen und anderen Tierarten genau beobachten.


Aufgrund von Tierreservoiren und weil es sich bei COVID-19 höchstwahrscheinlich um eine Zoonose handelt208, muss das Eindringen des Menschen in den Lebensraum von Tieren im Zusammenhang mit Pandemien berücksichtigt werden. Übernutzung und Lebensraumzerstörung erhöhen das Risiko neu auftretender und sich schnell ausbreitender Vektoren und Krankheiten erheblich.209 Zu den in diesem Zusammenhang relevanten Umweltfaktoren gehören Lichtverschmutzung und Entwaldung, die vor allem durch die Ausdehnung von Flächen für die Landwirtschaft vorangetrieben wird.210 Aus einer One-Health-Perspektive erscheint es unerlässlich, die globale Landnutzung für die Landwirtschaft zu reduzieren.


Die Zusammenhänge zwischen Tier-, Menschen- und Umweltgesundheit sind komplex und erfordern ein Systemdenken. Ein größerer Fokus auf diese Zusammenhänge sollte in der Bildung gelegt werden, um das Bewusstsein für die Bedeutung menschlichen Handelns in solch großem Maßstab zu fördern. Wenn wir uns weiter auf den Klimawandel zubewegen, wird eine Reihe von ernsten Gesundheitsproblemen häufiger auftreten.211,212,213,214 Ein One Health-Rahmenwerk als Teil einer planetarischen und globalen Gesundheitsperspektive zur Untersuchung und Bewältigung dieser Probleme wird hilfreich sein.166,215

Quellen